„litteraturfest.nu“ – Lesung mit Julia Franck und Hakan Nesser

 

Husumer Nachrichten, 19.09.2011:

 

Über Dramen und ihre Folgen

 

Julia Franck und Hakan Nesser lasen im Rahmen des „litteraturfestes.nu“ in der Stadtbibliothek

 

Husum Es wurde vorgelesen, erzählt, gefragt, erschüttert geschwiegen und gemeinsam gelacht – die preisgekrönte deutsche Schriftstellerin Julia Franck und der schwedische Bestseller-Autor Hakan Nesser trafen mit ihren Werken in der Stadtbibliothek rund 120 Zuhörer mitten ins Herz. Das macht das litteraturfest.nu aus: Literaturschaffende aus Skandinavien und Deutschland sind im gesamten deutsch-dänischen Grenzgebiet unterwegs und stellen sich dem Gespräch mit den Lesern.

Auf die einladende Geste von Julia Franck einzugehen, fiel dem Publikum anfangs allerdings schwer. Die Autorin hatte eine Szene vorgelesen, die am Ende ihres 2007 erschienenen Romans „Die Mittagsfrau“ steht: Das an sich undramatische Ereignis des gemeinsamen Pilzesuchens von Mutter und Sohn entgleist 1944 zu einer traumatischen Flucht vor dem Gestank der Kriegsgräuel, während der die Mutter, Krankenschwester Helene, ihr Kind zeitweise allein lässt – unfähig eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Im Saal war es totenstill. „Ich glaube nicht, dass ein Mensch kalt geboren wird, um kalt zu sterben“, erklärte Franck ihre Motivation, ein Stück eigener Familiengeschichte aufzuarbeiten, das Unbegreifliche nachvollziehbar zu machen – ohne moralische Verurteilung: Ihr Vater wurde als Kind während der Flucht von seiner Mutter, einer Krankenschwester, ausgesetzt. So wie man der Sage nach dem Fluch der Mittagsfrau nur durch Erzählen entgeht, versucht die aus einer Künstlerfamilie stammende Autorin, „Ordnung zu schaffen in einer Welt, in der es in Wirklichkeit keine Ordnung gibt.“

Ähnlich hat sich der schwedische Krimi-Autor Hakan Nesser ausgedrückt, Preisträger unter anderem des Ripper Award für Kriminalliteratur. Er las aus seinem unlängst erschienenen Roman „Die Einsamen“, dem vierten Fall von Inspektor Barbarotti. „Es ist schön, einmal die schwedische Sprache zu hören“, begeisterte sich eine Zuhörerin beim Klang der angenehm sonoren Stimme des Autors. Maria Bonner, die den Abend moderierte, übersetzte und las die entsprechende deutsche Passage vor – von Maria, dem „Spatz“, der schlau, hübsch und ausdrücklich egoistisch ist.

Der Ursprung der Barbarotti-Serie habe in einer Schreibblockade gelegen, erzählte Hakan Nesser. Damals sei er mit seinem Werk „Mensch ohne Hund“ nicht mehr vorangekommen. Keinesfalls sollte es ein Krimi werden, doch nach drei Monaten habe ein Mann in seinem Gehirn an die Tür geklopft und ihn von seiner Notwendigkeit in der Geschichte überzeugt. Inspektor Barbarotti hatte die Bühne betreten. Stets schien Nesser eine fast humorvolle Distanz zu seinem Werk zu halten. Die Stimmung war entspannt, in Teilen heiter. Dennoch handelt es sich bei „Die Einsamen“ um eine ernste, düstere Geschichte, an der besonders die Zeitperspektive für Gänsehaut sorgt: Studenten, die Anfang der 1970er noch meinen, die Zukunft vor sich zu haben einerseits, die Sicht der Polizei 35 Jahre später andererseits, wobei diese 35 Jahre wie im Flug vergangen scheinen.

Zum zweiten Mal veranstalten das Nordische Informationskontor, Bibliotheken im Grenzland und das Literaturhaus Schleswig-Holstein das grenzüberschreitende Literaturfestival. „Lassen Sie sich zum Lesen im Herbst inspirieren“, lautet das Motto. In Husum wurde diese Anregung befolgt. aco

 

 

 

 

Fotoausstellung „Schleswig-Holsteinische Impressionen“ von Heinz Teufel

 

Pressestimmen:

 

6. Mai 2010 (Husumer Nachrichten):

 

Stadtbibliothek Husum

Heinz Teufel: Mutter Erde nicht zerstückeln

 

6. Mai 2010 / von Rüdiger Otto von Brocken

 

Star-Fotograf Heinz Teufel holt die Leica-Akademie nach Husum. Von heute bis zum 31. Juli zeigt die Stadtbibliothek Husum Fotografien von ihm.

 

Heinz Teufel (Jahrgang 1949) zählt zu den renommiertesten Fotografen weltweit. Er arbeitete für die Magazine „Geo“ und „Stern“. Aber der gebürtige Dithmarscher ist auch Künstler. In Kiel studierte er Bildhauerei, Grafik und Malerei an der Fachhochschule für Gestaltung. Mit seiner „gestischen Fotografie“ ist Teufel in vielen Museen sowie öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Der bekennende Schleswig-Holsteiner wurde mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Kultur-Preis der Nospa-Stiftung. Von heute an bis zum 31. Juli sind Teufels fotografische Impressionen in der Husumer Stadtbibliothek zu sehen. Eröffnung: 19 Uhr.

 

Ihre erste Kamera war eine Leica. Zufall oder Bestimmung?

 

Teufel: Ich hab’ aus dem Zufall Bestimmung gemacht. Nein. Ich hab’ mir schon als Kind die Nase am Schaufenster platt gedrückt, wenn eine M 3 darin lag.

 

Und wann haben Sie sie endlich in den Händen gehalten?

 

Mit 18.

 

Jetzt holen Sie die Leica-Akademie nach Husum, was kein Zufall ist. Was genau ist die Leica-Akademie, und was bedeutet diese Entscheidung für Husum?

 

Die Leica-Akademie ist die älteste Foto-Akademie Deutschlands. Als ich mit meiner „Schule des Sehens“ begann, habe ich mit Leica zusammengearbeitet und mich neben Zingst für einen zweiten Standort – in Schleswig-Holstein – stark gemacht. Aber da wollte keiner hin. Inzwischen wurde die Leica-Akademie umstrukturiert: Es gibt mehr Geld und eine weltweite Vernetzung, eine Dependance in Toscana und nun also eine zweite in Husum. Das ist eine gute Wahl, denn von Husum aus kann man die ganze Nordsee bespielen. Und nun ist das Wattenmeer auch noch Weltnaturerbe. Wahnsinn. Seit 35 Jahren arbeite ich an der Idee der Umweltgestaltung. Dafür muss sich die Kultur wieder stärker auf die Natur besinnen. Darin liegt eine große Chance. Außerdem ist das Ganze insofern interessant, als es hier mit Martin Stock, Günter Klatt und Gehard Paul schon sehr gute Fotografen gibt. Wenn ich da mitspielen darf, gerne.

 

Warum ist Schleswig-Holstein für Sie ein besonderes Foto-Land?

 

Weil ich hier lebe, und weil ich hier Erdigkeit und Geborgenheit finde. Die unendliche Weite breitet sich auch innerlich aus. Alle, die mal hier oben gelebt haben, erzählen dir dasselbe: Sie vermissen den klaren Horizont, der sich zwangsläufig auch im Denken niederschlägt. Aber leider wird hier viel zu viel kaputt gemacht. Es gibt zu viel Stacheldraht. Dabei ist Mutter Erde doch eine große Haut, die man nicht zerstückeln kann. In Mecklenburg-Vorpommern und Dänemark sieht es anders aus. Davon müssen wir lernen, wenn wir touristisch den Anschluss nicht verpassen wollen.

 

Sie haben sich immer sehr für den Nationalpark engagiert. Jetzt ist das Wattenmeer Weltnaturerbe. Welche Chancen birgt das Ihrer Ansicht nach?

 

Dass wir lernen, drei Dinge gemeinsam zu denken: unseren unmittelbaren Lebensraum, den Zusammenklang von Kultur und Natur und die Chance, Natur an einigen Stellen einfach mal in Ruhe zu lassen. Das kann weltweit beispielhaft sein. Aber das schafft man nicht mit Kaffee und Kuchen, sondern nur mit Stille und Wahrhaftigkeit.

 

Wenn Sie bei der Politik einen Wunsch frei hätten hinsichtlich ihres Umgangs mit der einzigartigen Ressource, wie sähe der aus?

 

Es geht nicht nur um unsere Belange. Wir müssen die Umwelt ins Zentrum unserer Betrachtungen rücken. Außerdem wäre es wünschenswert, wenn nicht schon bei überschaubaren Problemen jeder nur in seinen, sondern alle in einen Topf guckten.

 

Klingt einfach.

 

Ist es nicht. Ich weiß das, aber es wäre ein Anfang.